Bürgerschaftliche Partizipation ganz ohne politische Parteien
Zentrale Fragestellung: Am Beispiel von Burkina Faso, das wegen der islamistischen Überfälle eine Militärregierung besitzt, die alle politischen Parteien verboten hat, soll zusammen mit den Menschen vor Ort diskutiert werden, wie unter diesen Bedingungen eine Versöhnungsarbeit und eine demokratieähnliche Partizipation gelingen kann.
Die Versöhnungsarbeit soll in einem bereits bestehenden Ausbildungs- und Trauma-Zentrum in Ramongo namens Centre Havila und in Abstimmung mit den staatlichen Autoritäten von Burkina Faso stattfinden. Das Ramongo-Zentrum wird von engagierten Christen geführt, geleitet vom Bruder des burkinisch-kanadischen Universitätsprofessors, der mit seinen Forschungsinstituten in Kanada und Burkina die wissenschaftliche Gesamtleitung des Gemeinschaftsprojekts hat. Weil das Hauptgebäude nach einem Brandanschlag ausgebrannt ist, läuft das gesamte Bildungsprogramm unter freiem Himmel. Schwerpunkt ist bislang die Ausbildung von jungen Frauen an Nähmaschinen, die nicht verbrannt sind (die Tuchherstellung ist geeignet, damit sich diese Frauen wirtschaftlich selbständig machen können). Ramongo liegt 90km westlich der Hauptstadt Ouagadougou und damit etwa 200km südlich von der islamistischen Frontlinie (die sich nördlich von Ouahigouya befindet) in einem Bereich, der bislang noch nie von Islamisten erobert worden war.
Was soll mit den Spendenmitteln getan werden? (Stufe 1)
Wir planen ein mehrstufiges Engagement:
- zunächst die notwendige Infrastruktur verbessern, um überhaupt ein einigermaßen sicheres Umfeld zu schaffen, damit traumatisierte Menschen sich wieder neu dem Leben öffnen können; daher soll das Gebäude wieder aufgebaut und mit Elektro- und Sanitär-Einrichtung sowie der erforderlichen IT-Ausstattung versehen werden
- zweitens sollen zusätzliche Kurse zur Trauma-Bewältigung und zur gewaltfreien Kommunikation durchgeführt werden (Konzepte und Erfahrungen existieren bereits)
- drittens soll konkrete Versöhnungsarbeit im Rahmen der Gemeinde bzw. dem Departement Ramongo mit dem Ziel, dass die unterschiedlichen Glaubensrichtungen einander ertragen und vielleicht sogar bald religionsübergreifende Initiativen entstehen (13 Dörfer mit insgesamt 23000 Einwohnern). Obwohl sich die Sicherheitslage in den letzten vier Jahren wesentlich verbessert hat, sind immer noch viele Binnenflüchtlinge unterwegs, die ihre Wohngebiete wegen terroristischer Anschläge verlassen haben. In diesem Fall geht Versöhnungsarbeit Hand in Hand mit interkulturellen Ansätzen, die Gastfreundschaft und Solidarität fördern werden.
Erst wenn die Stufe 1 in Ramongo ein Vorzeigeprojekt geworden ist, kann in sinnvoller Weise über bürgerschaftliches Engagement auf Dorf-, Kreis- und Nation-Ebene gesprochen werden – und auch nur, wenn die politische Lage es erlaubt und es im Einvernehmen mit der burkinischen Regierung durchgeführt werden kann. Es kann sich nur um Denkanstöße handeln – die Entscheidungen müssen in Burkina fallen, das ja aus verständlichen Gründen gerade jegliche Fernsteuerung aus dem Ausland ablehnt. FIDES e.V. unterstützt uneingeschränkt den Wunsch von Burkina der Selbststeuerung bzw. finalen Entkolonialisierung! Wir wollen dabei als Sparringspartner helfen -und haben das wissenschaftliche Interesse, wie ein kulturadäquates bürgerschaftliches Engagement ohne politische Parteien umgesetzt werden kann, weil hieraus unter Umständen auch für andere kriselnde Demokratien gelernt werden könnte.
Politische Hintergründe
Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt und muss sich dennoch seit mehr als einem Jahrzehnt gegen islamistische Terroristen verteidigen. Genauso wie in Nachbarstaaten Mali und Niger existiert seit Jahren – von der internationalen Gemeinschaft kaum wahrgenommen – eine extreme Bedrohungslage durch islamistische Kämpfer, die teilweise mit Al Qaida, teilweise mit dem Islamischen Staat verbündet sind.
Eine zentrale Ursache hierfür war der staatliche Zerfall Libyens, nachdem 2011 der ehemalige Diktator Gaddafi durch eine westliche Intervention getötet wurde (angeführt von Frankreich unter Sarkozy) und die gewaltige Landmasse von Libyen zu den „Failed States“ zu zählen ist. In dieser Bedrohungssituation ist offenbar das Restvertrauen der Bevölkerung zur früheren Kolonialmacht Frankreich – genauso wie zu den früheren parlamentarisch-demokratisch gewählten Regierungen von Mali, Burkina Faso und Niger so stark verloren gegangen, dass die folgenden Militärputsche in Mali (2021), Burkina Faso (2022) und Niger (2023) von großen Bevölkerungsteilen begrüßt wurden.
Aus Sicht der Demokratieforschung ist Burkina Faso besonders interessant, weil der Militärmachthaber Traoré sein Engagement bewusst als eine Revolution gegen die alte korrupte Oberschicht versteht, welche häufig eher die französischen Interessen vertreten und nicht ausreichend für die Sicherheit der Menschen gekämpft habe. Weil Frankreich offenbar „doch nur Interesse an den dortigen Rohstoffen, u.a. Gold, und den Absatzmärkten“ habe, wurden sogar die diplomatischen Beziehungen zu Frankreich abgebrochen und eine Konföderation (Allianz AES) mit Mali und Niger beschlossen, verbündet mit Russland, das die nötigen Waffen liefert.
Insgesamt versucht Traoré mit gutem Beispiel voranzugehen: er ist bewusst nicht in den Präsidentenpalast gezogen und auch auf das Präsidentengehalt verzichtet. Seine regelmäßigen Aufrufe an die Bürger, endlich eine Nation zu werden, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, ihre Bodenschätze vorrangig selbst nutzt sowie die über alle religiösen Grenzen hinweg zusammen steht, hat nach Ansicht vieler Beobachter tatsächlich eine Art von Aufbruchstimmung entstehen lassen. Außerdem ist es ihm in den letzten vier Jahren tatsächlich gelungen, 75% des Staatsgebiets einigermaßen abzusichern.
Gelingt es Traoré, einen afrikanischen Weg zur bürgerschaftlichen Partizipation einzuschlagen und dabei auf Dauer ohne traditionelle politische Parteien auszukommen, ist dies auch für die weltweite Demokratieforschung von Bedeutung! Ende August 2026 haben die ernannten Parlamentarier der Konföderation der Sahelstaaten (AES) das Parlament eröffnet. Es besteht aus 45 Personen (je 15 aus Burkina, Mali und Niger), die als Vertreter der Völker über Fragen der Sicherheit, der Entwicklung und der Politik tagen und die drei Präsidenten beraten werden.
Unsere politische Aufgabe ist dabei zunächst sicherlich, in Europa um Verständnis für Burkina, Mali und Niger bezüglich ihrer Hinwendung zu Russland zu schaffen – und Burkina auch gerade nach dieser Entscheidung, die wir respektieren wollen, nicht alleine zu lassen, sondern sie genauso unterstützen, wie es die burkinische Regierung wünscht.
Dabei entsteht keinerlei Automatismus: alle Hilfsangebote von FIDES e.V. werden jährlich von der Mitgliederversammlung des gemeinnützigen Vereins beschlossen.
Stufe 2 als interdisziplinäre Demokratieforschung
Wenn die Stufe 2 gelingen soll, benötigen wir eine ganze Reihe kompetenter Wissenschaftlicher, die hinreichend praxisorientiert und zugleich engagiert sein müssen, um für die burkinische Neuaufstellung einer Nation mit rund 23 Mio. Einwohnern nach Wunsch der dortigen Regierung qualifizierte Hinweise zur Anpassung der Verfassung zu geben (von der kommunalen Willensbildung bis hin zur gesetzgebenden Institution, bis zur Währung und der aus unserer Sicht irgendwann erforderlichen Versöhnung mit der ehemaligen Kolonialmacht).
Befreundete Wissenschaftler aus mehreren Ländern müssen dabei uneigennützig zusammenarbeiten (weitgehend pro bono, genauso wie FIDES e.V. als gemeinnütziger Verein).
Derzeit haben wir noch einen befreundeten Juristen angefragt, spezialisiert auf WTO-Handel (weil Burkina einen fairen Außenhandel auf dem Win-Win-Prinzip anstrebt), und wir benötigen noch einen Wissenschaftler, vielleicht Nationalökonom, der das spezifische Interessengeflecht der unvollständigen Entkolonialisierung in Afrique Française detailliert kennt
Auf Seiten von FIDES e.V. soll abschließend klargestellt werden, dass sämtliche Arbeiten kontinuierlich sorgfältig darauf geprüft werden, ob sie den Maßstäben entsprechen, wie sie Jesus gelehrt hat. Es entsteht daher keinerlei Automatismus. Das Jahresprogramm – soweit es FIDES betrifft – wird jährlich von der FIDES-Mitgliederversammlung beschlossen.
