Fall 2: Maries Tendenz in Richtung Magersucht

Von Dr. Christian Marettek und Ibrahim Saltik

Abgrenzung zur medizinischen Diagnose Magersucht

Unser interreligiöser Gesprächskreis hat sich bekanntlich das Ziel gesetzt, Wege zu gelingendem Familienleben aufzuzeigen. Dabei werden zwar ausdrücklich Krisen als Ausgangspunkt gewählt (um plausibel zu machen, was eine gute Familie alles kann) – ohne jedoch eindeutig krankhafte Entwicklungen vertiefend darzustellen. Deshalb sprechen wir hier auch nur von „Tendenz in Richtung Magersucht“. Wie im Fall 1 auch, sind die Fallkonstellationen so gewählt, dass sämtliche Beteiligten an sich von liebevollen Familienbeziehungen sprechen würden und vor dem Auftreten der aktuellen Krise allgemein von einer gesunden Entwicklung gesprochen werden kann. 

Ausgangspunkt ist die oben ausführlich dargestellte Familienkonstellation mit zwei berufstätigen Eltern (Jenny und Robert Alles) nach Wegzug der ältesten Tochter.

Was ist mit der an sich gesunden Marie im 16. Lebensjahr passiert?

Das fragen sich die Eltern Jenny und Robert als sie sehen müssen, dass Marie immer weniger isst und zeitweise überhaupt kaum Lebensfreude mehr ausstrahlt.

Die Eltern analysieren, dass im 15. Lebensjahr noch die große Schwester Anna zuhause gewohnt hat und Anna das große Vorbild für Marie war. Sie waren ein „Herz und eine Seele“ – fast immer nur im Doppelpack zu haben – selbst in den Freundeskreisen! Da die beiden Schwestern voller Lebensfreude und fachlich brilliant ihre jeweilige Schule schafften, hatten die Eltern kein Problem gesehen und konnten sich auf ihre jeweiligen beruflichen Karrieren und vielfältige Ehrenämter konzentrieren.

Rückblickend müssen sie sich eingestehen, dass beide so viel gearbeitet, dass sie etwa 18 Monate lang kaum mit Marie ein tieferes Gespräch geführt haben.

In dieser Zeit hat Anna dann das Abitur mit 1,3 geschafft – selbst beim Abi-Ball von Anna war nur Robert als Vater kurz anwesend – Jenny war auf Fortbildung und nur die damals 14-jährige Marie hat mit der großen Schwester wirklich mit gefeiert.  

Zu diesem Zeitpunkt war Marie trotz der Pubertät eine bezaubernde Erscheinung und gewiss nicht magersüchtig. Robert hatte wie gesagt seine beiden schönen Töchter auf den Abi-Ball begleitet - nur um dann im Nebenzimmer anschließend Verhandlungen mit einem Geschäftspartner zu führen. 
Robert erinnert sich rückblickend an den Abschlusstanz mit Marie gegen 22:00 Uhr (bevor er sie nach Hause gebracht hatte) deutlich, wie er selbst über die frühreife - scheinbar harmonische - 14-jährige Tochter gestaunt hat.
Und dass obwohl Anna sich erstmals in einen Jungen verliebt hatte - was zwangsläufig die Rolle der jüngeren Schwester belastet hat (einfach weil sie nicht mehr so viel Zeit für ihre kleine Schwester hatte). Trotzdem hatte Marie sich sogar mit Anna mitfreuen können. Wann kam der Bruch? 

Jenny und Robert führen jetzt 18 Monate später natürlich viele Gespräche mit Marie und auch mit Anna in Neuseeland, um die  Ursachen herauszufinden, ab wann und warum Marie nicht mehr genug essen wollte oder konnte.

Selbstverständlich gehen sie zum Hausarzt (obwohl Jenny ja selbst eine erfahrene Ärztin ist) – der Hausarzt bringt zum ersten den Begriff „Tendenz zur Magersucht“ ins Gespräch.

Zur Klarstellung daher eine wörtliche Entnahme aus der deutschsprachigen Wikipedia.

Definition von Magersucht gemäß Wikipedia bzw. ICD11 (abgerufen am 21.04.2026)

Anorexia nervosa (griechischlateinisch; übersetzt etwa „nervlich bedingte Appetitlosigkeit“, abgekürzt AN) oder Magersucht ist eine Form der Essstörung. Davon betroffene Menschen besitzen eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers (Körperschemastörung) und verweigern aus Furcht vor Gewichtszunahme oder dem Wunsch nach Gewichtsverlust die Aufnahme von Nahrung.[1][2]

Im Zusammenhang mit dem bevorzugten Beginn der Erkrankung in der Pubertät wird diskutiert, ob Schwierigkeiten bei der Bewältigung alterstypischer Entwicklungsschritte eine verursachende Rolle spielen könnten. Bedeutsam in dieser Entwicklungsphase sind unter anderem die Auseinandersetzung mit der körperlichen Reifung und der damit verbundenen Veränderung des Körperbildes sowie die Identitätsbildung als Frau, die Lösung von primären Bezugspersonen und die Entwicklung eines autonomen, erwachsenen Selbst.[27] 

Weitere Risikofaktoren sind Überangepasstheit in der Kindheit und mangelnde Entwicklung eines positiven Selbstwert- und Körpergefühls. Diese Mädchen oder jungen Frauen sind damit besonders empfänglich für gesellschaftliche Normen und geben dem Druck nach Schlankheit eher nach als Frauen mit einem positiven Selbstwertgefühl. Risikopersonen machen infolge ihrer Überangepasstheit und des mangelnden Selbstwertgefühls häufiger Diäten oder versuchen, auf andere Weise abzunehmen, und können damit schließlich eine Essstörung entwickeln. Die Erkrankung beginnt am häufigsten im Teenager-Alter, wobei eine Diät, die anschließend außer Kontrolle gerät, ein Einstieg sein kann.[12] (Ende des Zitats der Wikipedia).

Wenn jemand ähnliche Probleme haben, dann empfehlen wir den vorzüglichen Podcast des Bayrischen Rundfunks mit fundierten Empfehlungen des BR-Podcasts Essstörungen (mit MIA MORGAN) | Wie wir unseren Körper besser akzeptieren können.

Auch dieser Podcast sagt ganz klar, dass für eine echte Magersucht kurzfristig psychotherapeutische Hilfe benötigt wird und diese im Regelfall nicht alleine von der Familie oder/ und Schule bewältigt werden kann. Für die Vereinbarung eines Erstgesprächs mit einem wohnortnahen Psychotherapeuten bietet sich im Übrigen die bundesweite Nummer 0116117 an, wobei das Erstgespräch im Regelfall kurzfristig für jeden Kassenversicherten möglich ist.

Aber zurück zu unserem (leichteren) Fall, wie gesagt, der Hausarzt diagnostiziert noch keine klinische "Anorexia nervosa" im Sinne von ICD 11 - dazu wiegt Marie noch zu viel und war bislang völlig unauffällig. Der Hausarzt sagt zu Jenny und Marie ganz klar: "Wenn sich bei Marie innerhalb von etwa sechs Wochen nichts ändert, nähert sie sich ziemlich klar der klinischen Magersucht und bedarf einen Psychotherapeuten."

Was finden Jenny und Robert als Ursachen bei Marie heraus?

Schockiert von der Aussage ihres Hausarztes geht Jenny zu ihrem Chef und macht zunächst mit Marie Urlaub, was Marie sich schon immer gewünscht hat.

Obwohl Jenny und Marie in diesen 14 Tagen eine gute Zeit haben und danach Marie nicht mehr so teilnahmslos auftritt und auch etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt, spürt Jenny, dass das Problem noch nicht bewältigt ist.

Marie und Jenny erneuern offenbar ihre Beziehung in diesem ersten gemeinsamen Urlaub. Als sie merkt, dass selbst ein zweiwöchiger gemeinsamer Urlaub das merkwürdige Essverhalten nicht ändert (und wie oben dargestellt auch ihr Sohn Sebastian Probleme hat), beschließt Jenny bei ihrem Chef ein einjähriges unbezahltes Sabbatical auszuhandeln - selbst auf die Gefahr hin, die Stelle als Oberarzt nicht wieder zu bekommen. Jenny zu Robert: das schulde ich unser Tochter! ich möchte als Christ nicht nur von Liebe reden und die Kinder sind doch eigentlich "das Wichtigste überhaupt".

Als engagierte Christen beten Jenny und Robert sowieso täglich für ihre Kinder (und für alle wichtigen persönlichen Begegnungen im Beruf). Jetzt in der Krise beten sie täglich viel mehr für ihre Kinder und sie erleben (wie viele Christen in Krisen), dass sie im Gebet allmählich ihre Tochter immer besser verstehen.

Das tröstet sie zwar – schockiert sie aber auch andererseits, weil sie den tiefen Schmerz allmählich verstehen, wie es für Marie war, als ihre große Schwester (=Haupt-Bezugsperson und großes Vorbild) allmählich ihre neue Welt in Heidelberg mit Freund und dann im FSJ in Neuseeland eingerichtet hat und die vielen täglichen Gespräche mit Marie allmählich versiegten.

Sie wurde offenbar nicht mehr von ihrer Schwester als Gesprächspartner gebraucht – folglich fühlte sie sich überflüssig und begann das Erwachsenwerden intuitiv abzulehnen, vielleicht sogar zu hassen.

Rational verstand sie alles - aber es war doch brutal hart für Marie. Hinzu kam dass ihre beste Freundin mit ihren Eltern wegzog, so dass sie sich in der Schule immer mehr auf die Jungs ausrichtete. 
Sie merkte an der aktuellen Mode, die immer von sehr schlanken Models und Mitschülerinnen präsentiert wurde - sie spürte die Reaktionen der Jungs, dass sie diese sehr schlanke Mädchen sexy fanden. Schließlich war Anna in der Vergangenheit immer etwas schlanker und größer als Marie, was sie offenbar darin bestärkte in der Meinung, dass die Gefahr bestünde, dass sie dick werden würde.

Jenny und Robert fühlen den tiefen Schmerz ihrer Tochter nach – und sie schreien auch zu Gott, warum er ihnen keine deutlicheren Hinweise gegeben hatte, dass Annas Weggang für die jüngeren Geschwister ein großes Problem werden würde. Das ist für beide Eltern schwer zu akzeptieren.

Nach vielen Gesprächen und Gebeten, schafft es Marie selbst, ihren Schmerz zu benennen, warum sie unbewusst immer weniger gegessen hat: es ist eine tiefe Angst „alleine zurück zu bleiben, wenn sie nicht besonders sexy wird“. 

Welche Unterstützungen bietet Jenny ihrer Tochter Marie an?

Nach viel Gebet und Gespräch analysiert Jenny, dass Marie sich offenbar in eine schwerwiegende Fehleinschätzung über die für sie mit 15 eigentlich sinnvolle Weiterentwicklung als weibliche Persönlichkeit verrannt hat.

Sie zeigt ihrer Tochter die entsprechenden Forschungsergebnisse, dass die gleichaltrigen Jungs vielleicht Interesse an Sex haben – nur selten aber zu echten Beziehungen in der Lage sind, wie sie Marie aber zu Recht ersehnt (vgl. hier vertiefend zum zeitweisen Rückstand in der Beziehungsfähigkeit der Jungen-Entwicklung von 15 bis 18 Jahre).

Jenny verbringt in der Folge weiterhin viel Zeit mit mit ihren beiden noch zu Hause wohnenden Kindern und macht sich hinsichtlich von Maries Probleme sogar die Mühe, die in Frage kommenden Jungs nacheinander zu sich nach Hause einzuladen (natürlich ganz locker ohne Nennung von Maries Problemen), um hinterher Marie unter vier Augen zu erläutern, welche Prioritäten offenbar gerade in den Köpfen der Jungs schwirren.

Vielmehr sollte sich Marie nach den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie in dieser Phase unbedingt wieder primär auf weibliche Freundinnen ausrichten. Ansonsten unterliegt sie einem Teufelskreis, der für sie selbst schlimm wäre: Die Fokussierung auf Männer kann die Beziehungswünsche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht annähernd in der Qualität der bisherigen Beziehung zu ihrer Schwester Anna erfüllen.

Jenny wörtlich: „da kann sie sich zu Tode hungern – qualitativ hochwertige Beziehungen zu Gleichaltrigen wird sie nur bei Mädchen finden.“ Das entscheidende Argument schiebt Jenny hinterher, das Marie in der Folge zu einer Meinungsänderung veranlasst:

„Unsere Anna ist doch dein Vorbild. Erinnere dich doch bitte an Anna mit 15! Welche Beziehungen spielten damals die dominierende Rolle? Auf der Beziehungsebene eindeutig nur Mädchen! Mach doch alles so wie Anna mit 15!“ Endlich hat sie ein Argument gefunden, dass Marie gelten lässt. Sie sagt zu ihrer Mutter, dass sie sich jetzt wieder konsequent auf weibliche Bezugspersonen ausrichtet.

Trotz dieses Meinungsumschwungs fällt es Marie immer noch schwer, regelmäßig zu essen. Jenny weiß als Ärztin, dass das rationale Verstehen noch nicht die emotional verursachten Barrieren in der Seele von Marie unmittelbar ändert. Jenny lädt in der Folge alle in Frage kommenden Mädchen zu sich nach Hause ein. Dies tut Marie erkennbar gut: sie gewinnt in dieser Phase in der Schulklasse zwei neue Freundinnen und eine weitere in der christlichen Gemeinde, wo sie zusammen mit ihren Eltern jeden Sonntag hingeht (die Freie evang. Gemeinde bietet parallel zum Hauptgottesdienst einen attraktiv gestalteten Kindergottesdienst an).

Der endgültige Durchbruch geschieht bei Marie kurz vor ihrem 16. Geburtstag, als sie erstmals die gesamte Thematik mit Mager-Tendenz in einem persönlichen Gebet vor Gott bringt. Sie ist zwar christlich erzogen, hat aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht persönlich (ohne Anleitung) „wie ein Erwachsener“ mit Gott geredet. Sie betet in etwa so:

„Himmlischer Vater, wenn es dich wirklich gibt und du ein solch großes Interesse an jedem Menschen hast, so wie Jesus es uns gelehrt hat, dann zieh mich doch endlich ganz raus aus dieser Krise! Wenn du das tust, dann werde ich dich künftig nicht mehr in Frage stellen und in meinem ganzen Leben versuchen Jesus nachzufolgen.“ Wie viele Gläubige in Krisen, die eindeutige Hingabe an Gott beten, spürt sie sofort neuen Mut.

Ab sofort liest sie regelmäßig in der Bibel und erkennt bald, dass ihr Körper nach der Bibel (z.B. 1. Korinther 3,16) eigentlich ein Tempel des Heiligen Geistes sein soll und ihre zeitweise Ablehnung ihres Körpers im Grunde auch Gott als Schöpfer abgelehnt hat (für das sie dann auch um Vergebung bittet). Nachdem sie zwei Wochen intensiv gebet hat, geht es ihr endlich mit einiger Dynamik immer besser.

Vier Monate nach Beginn des Sabbaticals von Jenny meldet Marie eine eindeutige Umkehr ihrer Waage: drei Kilo mehr in zwei Wochen. Jenny sagt darauf: „Es steht dir vorzüglich! Und du strahlst von innen heraus.“

Was tun, wenn ein Elternteil durch gedankenlose Formulierungen eine Mitschuld trägt?

Unser interkultureller Gesprächskreis aus Eltern, Pädagogen und Seelsorgern hat im Frühjahr 2026 für diesen Fall empfohlen, eine professionelle Familientherapie einzuleiten, um den Leistungsdruck durch externe Moderation zu überwinden.

In der insoweit gefährlichen Phase nach der Pubertät dürfen die Eltern auf keinen Fall Bemerkungen machen, dass die Tochter nicht schön wäre!

Was tun, wenn die Erfahrungen und Anstrengungen der Eltern nicht ausreichen?

In Zusammenarbeit mit der Schule und/oder den religiösen Gemeinden können auch gemeinsame Workshops für Eltern und Kinder über unrealistische Schönheitsideale angeboten werden – auch deshalb, weil die Magersucht ein doch recht häufiges Phänomen darstellt. Ebenso empfiehlt sich eine Hinzuziehung von Ernährungsberatern und/ oder Therapeuten. Dadurch können sich im Idealfall die betroffenen Eltern auch gegenseitig unterstützen.

Entsprechendes gilt auch für eine separate Betroffenengruppe der Teenager, wo sich die Freundinnen gegenseitig beim Kampf gegen die Magersucht unterstützen (Peer-Support-Gruppen).