Alter 12 bis 18 Jahre: Adoleszenz

Von Ibrahim Saltik, Adem Fakili sowie Dr. Christian Marettek

Überblick über diese Lebensphase

Wie die Entwicklungspsychologie im 20. Jahrhundert erarbeitet hat, ist gerade diese Lebensphase von intensiven emotionalen Schwankungen geprägt, teilweise in kurzen Zeitabschnitten. Dabei entdecken die Heranwachsenden immer wieder neue Facetten ihres Lebens, testen unzählige Rollen und haben es dabei häufig nicht einfach, die dabei entstehenden Gefühle adäquat zu integrieren.

In der Adoleszenz ereignet sich viel:

  • erstmals wird bewusst die Frage „Wer bin ich?“ formuliert (z.B. indem ein Tagebuch begonnen wird)
  • damit entsteht ein Übergangsprozess von der kindlichen Identität zur Erwachsenenidentität
  • die körperlichen und sozialen Veränderungen der Pubertät verursachen vielfältige Dynamiken für Selbstbild des Heranwachsenden
  • die Schule stellt erstmals komplexere Lernaufgaben, die schließlich in einer Abschlussprüfung (z.B. Abitur) münden.

Identitätsbildung als Entwicklungsaufgabe

Eine individuelle Identität kann dann über einen mehrjährigen Such- und Lernprozess im Sinne eines kohärenten Selbstkonzepts entstehen. Vgl. Erikson 1968, Identity: Youth and crisis, S. 130ff., Marcia 1966, Development and validation of ego-identity status, Journal of Personality and Social Psychology, S. 551ff.

Hierzu gehören folgende Problemkomplexe:

  • Der Wunsch, eigene Entscheidungen zu treffen, wächst.
  • Es werden Zukunftspläne gemacht.
  • Bestimmung persönlicher Werte.
  • Herausbildung von Glauben und Weltanschauung.
  • Hinterfragung von Berufs- und Zukunftszielen.
  • Klärung der geschlechtlichen Identität und sozialen Rollen.

Erikson 1968 S.130 stellt fest, dass zur Lösung der Identitätskrise ein innerer Dialog und die Selbstbewertung des Jugendlichen erforderlich ist, bis sich dann allmählich ein Gefühl der Kontinuität und Kohärenz des Selbst entstehen kann. Marcia 1966 S.552 erklärt, dass der Identitätserfolgs-Status ein hohes Maß an Verpflichtung gegenüber persönlich gewählten Werten und Zielen erfordert.

Nach der Selbstbestimmungstheorie wird die Bedeutung von Autonomie und die Entwicklung innerer Motivationsstrukturen betont, vgl. Ryan & Deci 2000, Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being, American Psycologist, S.68-78.

In dieser Phase beobachtbare Verhaltensweisen

Erikson (1968) erwähnt als ein Merkmal der Rollendiffusion das „ständige Wechseln von Rollen und Ansichten“ (S. 131). Der Inhalt zielt darauf ab, diesen Wandel zu normalisieren und ihn zu einem Teil der gesunden Identitätssuche zu machen.

  • Unentschlossenheit und Unsicherheit bzgl. Identität
  • ständiger Wechsel von Rollen und Ansichten
  • Schwierigkeiten bei der Anpassung an Autoritäten bzw. gesellschaftlichen Erwartungen
  • Hinwendung zur Gleichaltrigengruppe (Peergroup)
  • Ausprobieren unterschiedlicher Denkweisen und Stile
  • Emotionale Höhen und Tiefen

Marcia (1966) betont, dass die Identitätssuche ein aktiver Prozess der Hinterfragung ist (S. 556).

Fowler (1981, Stages of faith: The psychology of human development and the quest for meaning. Harper & Row.) betont, dass Zweifel, Dilemmata und die Loslösung von früheren Glaubensmustern in dieser Übergangsphase häufig sind und ein Zeichen gesunder Entwicklung darstellen (S. 177-178).

Forschung aus der Positiven Psychologie und zu sozialen Bindungen zeigt, dass Dankbarkeitsbekundungen die Beziehungsqualität, das Glück und die sozialen Bindungen sowohl für den Geber als auch für den Empfänger stärken (Algoe, Haidt, & Gable 2008 Beyond reciprocity: Gratitude and relationships in everyday life. Emotion S. 425-426).

Im Kontext der Selbstbestimmungstheorie sind gesunde Beziehungen solche, in denen die individuelle Autonomie gewahrt bleibt (Ryan & Deci 2000 S. 73). In diesem Sinne stellen autonome Verhaltensweisen diejenigen dar, die mit persönlichen Werten und Interessen im Einklang stehen, und nicht aufgrund äußerer Zwänge getroffen werden (ebenda S. 70-71).

An dieser Stelle der Diskussion kommen wir zur Rolle von Familie und Umfeld.

Rolle von Familie und Umfeld

Unterstützendes und verständnisvolles Familienumfeld ist wichtig, damit die Fülle der neuartigen geistigen, körperlichen und sozialen Impulse, die das heranwachsende Individuum praktisch täglich bewältigen muss, so konstruktiv verarbeitet werden, dass keine dauerhaft negativen Einflüsse auf das Selbstvertrauen und vielleicht sogar auch auf die Gesundheit entstehen. 

Ein zunehmend eingeschüchterter Jugendlicher, der vielleicht so schüchtern ist, dass er kaum Freunde hat, ist dann meist auch nicht integriert in die Klassengemeinschaft und kann dann auch keine wirklich positive Identität entwickeln.

In einer Fallstudie verdeutlichen wir sowohl die schwierigen Praxisprobleme, die die Heranwachsenden – genauso wie das jeweilige familiäre und schulische Umfeld bewältigen müssen.

Dabei ist insbesondere noch zu beachten:

  • Übermäßiger Druck kann die Rollendiffusion verstärken.
  • allmählich sollten die Eltern-Kind-Beziehungen durch schrittweise gesteigertes Vertrauen und weniger Kontrollmaßnahmen geprägt werden.
  • Lehrer und Gleichaltrige beeinflussen die Identitätsentwicklung.
  • Positive Rollenvorbilder unterstützen die Identitätsbildung.

Mit Hilfe der Selbstbestimmungstheorie, die die Psychologie seit der letzten Jahrtausendwende bereichert, kann erklärt werden, unter welchen Bedingungen das weitverbreitete wachsendes Bedürfnis nach Autonomie der Heranwachsenden konstruktiv gelebt werden kann, ohne das weiterhin bestehende Bedürfnis nach Zugehörigkeit (zur Familie bzw. Klasse) zu gefährden.  

An dieser Stelle gibt es enge Parallelen zur psychologischen Erforschung eines gelingenden Führungshandeln, wie wir es an anderer Stelle ausführlich dargestellt haben – insbesondere dass unzureichendes Vertrauen in den Kollegen als demotivierendes Gängeln (Gegenteil von Autonomie!)  verstanden werden kann. Diese Situation kennt wohl jede, die (jeder, der) Erfahrungen hat mit Heranwachsenden.

Ergebnis einer gesunden Bewältigung der Phase

Im Idealfall können wir vereinfacht gesagt einen lebenstüchtigen jungen Erwachsenen beobachten:

  • Starkes Gefühl der Identität
  • Selbstvertrauen
  • körperliche, geistige und seelische Gsundheit
  • Wissen um den eigenen Platz in der Gesellschaft
  • Bereitschaft für die nächste Phase „Intimität vs. Isolierung“

Natürlich weiß man, dass diese gesunde Identität keine dauerhafte Errungenschaft darstellt. Krisen sind auch im Erwachsenen-Leben immer wieder Realität. Vor diesem Hintergrund weist die Positive Psychologie, wie wir an anderer Stelle dargestellt, dass es um das gesunde Leben im Augenblick geht.

Unser interreligiöser Gesprächskreis hat hierzu im Frühjahr 2026 eine umfangreiche Fallstudie erarbeitet, um Herausforderungen und Chancen dieser Lebensphase vertiefend zu beleuchten und insgesamt Mut zur Familiengründung zu machen.

Außerdem stellen wir uns der Frage, welche Hilfestellungen die abrahamitischen Religionen der realen Familien in Deutschland noch zu sagen haben.

Die Philosophie der Achtsamkeit  (Mindfulness) zeigt, dass der Fokus auf den gegenwärtigen Moment (frei von Zukunftsängsten oder Vergangenheitsbedauern) mit psychischem Wohlbefinden, Stressreduktion und einer tieferen Lebenserfahrung verbunden ist (Brown & Ryan 2003 The benefits of being present: Mindfulness and its role in psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, S.822-848).

Empfehlungen für Pädagogen

  • Schüler sollten Gelegenheit erhalten, sich auszudrücken
  • Anstelle von Kritik sollte Anleitung geboten werden
  • Individuelle Unterschiede sollten berücksichtigt werden
  • Es sollte eine sichere Klassenraumatmosphäre geschaffen werden

Vermittlung des Glaubens der Eltern

Gläubige der drei abrahamitischen Religionen haben gemein, dass die Weitergabe ihres Glaubens an ihre Kinder wichtig ist. Vor allem, weil sie das Beste für ihre Kinder wollen und sie beobachten, dass die Menschen in Deutschland wie in der westlichen Zivilisation überhaupt scheinbar nicht wirklich glücklich sind: wie Meinungsumfragen und medizinische Statistiken ergeben, ist die westliche Leitkultur offenbar trotz des Wohlstands – immer mehr geprägt durch

  • verbreitete Zukunftsängste, insbesondere derzeit wegen der Klimakrise
  • psychosomatische Erkrankungen (gerade auch an der Schwelle zum Erwachsenen)
  • häufigen Drogenkonsum bis hin zu
  • steigenden Selbstmordraten.

Vor diesem Hintergrund erscheint es verständlich, dass Gläubige es gut fänden, wenn sich ihre jetzt erwachsenen Kinder möglichst wenig an die dominierenden Maßstäbe der westlichen Zivilisation anpassen sollten, die scheinbar viel mit Lust-, Geld- und/oder Einfluss-Maximierung zusammen gefasst werden kann.

Besondere Schwierigkeiten der heranwachsenden jungen Männer

Haben Sie das auch schon erlebt, was viele Lehrer und Gemeindeleiter beobachtet haben? Häufig sind es die jungen Männer, die als 17 oder 18Jährige offenbar mehr Problem als gleichaltrige Mädchen. Nach unserer Einschätzung resultiert ein Teil der Probleme aus der Verunsicherung in Folge der Frauenemanzipation sowie aus häufig fehlenden väterlichen Vorbildern – sei es wegen der hohen Arbeitsbelastung von männlichen Führungskräften oder weil bei Alleinerziehenden überwiegend Frauen diese Rolle ausüben. 

So hat auch Robert Pelzer in der neuesten Ausgabe des christlichen Männer-Magazins MOVO Heft 1/2026 S. 32-34, festgestellt, dass junge Männer in manchen Bereichen der Gesellschaft „Verlierer“ zu sein scheinen. Pelzer titelt „Lost boys?“ Nach Robert Pelzer ist ursächlich hierfür die langsamere Entwicklung des männlichen Gehirns im Alter von 7-20 Jahren, wobei im Vergleich zu einem gleichaltrigen Mädchen eine Verzögerung von 18  Monaten festgestellt wurde, mit etwa 20 Jahren haben die Jungs aufgeholt, vgl. Lydia Denworth 2021, Das Versprechen der Jugend, spectrum.de.

Die wissenschaftliche Studie der Harvard Kennedy School „Closing the Gender Gap in Education: Does it Fortell the closing of the Employment, Marriage, and Motherhood Gaps? 2011 von Ina Ganguli, Ricardo Hausmann und Martina Viarengo, RWP11-02, S. 25 zeigt, wann bzw. welche Geburtsjahr-Kohorte das Education Gap in welchem Land erstmals geschlossen wurde:

Auch wenn die US-amerikanische Studie aus 2011 Deutschland nicht enthält, geht Pelzer 2026 zutreffend davon aus, dass der Education Gap auch in Deutschland geschlossen ist bzw. derzeit sogar ein Gap zu Lasten der Männer festzustellen ist (vgl. Pelzer ebenda S. 34). Entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse für Deutschland finden sich u.a. bei Lydia Denworth 2021, Das Versprechen der Jugend, spectrum.de.

Pelzer versetzt sich u.E hinreichend differenziert in die Situation der jungen Männer wenn er formuliert:

„Sie finden sich in einer Welt wieder, in der junge Frauen sie im Bereich Bildung überholen und selbstbestimmt Karriere machen, in alle Bereiche vordringen und dabei oft sozial kompetenter mit sogenannten Soft Skills punkten können. Während früher weitestgehend testosterongesteuerte Eigenschaften wie Durchsetzungskraft und Konkurrenzkampf in der Berufswelt unabdingbar waren und Frauen sowieso keine Konkurrenz darstellten, da sie für die Kindererziehung zuständig waren, sind heute zunehmend emotionale Intelligenz und kooperative Führungsstile gefragt – Kompetenzen, die traditionell eher Frauen zugeschrieben werden,“ Pelzer 2026 ebenda S. 33.

Ergebnis laut Pelzer: Beispielsweise sind die begehrtesten Gymnasien von Berlin bzw. deren Klassen mehrheitlich aus Mädchen zusammengesetzt. Da die Bildungspolitik bislang nicht gegengesteuert hat, sind mittlerweile etwa zwei Drittel der Medizinstudierenden weiblich (vgl. Matthias Blum, Deutsches Ärzteblatt 2024, S. 402). 

Pelzer betont ergänzend, dass die jungen Männer auch wenige Vorbilder haben, vor allem weil drei von vier Lehrkräften weiblich sind und viele Väter immer noch zu wenig Zeit für ihre Söhne aufwenden. Pelzer liefert ergänzend noch folgende Informationen:

  • Fast 20 Prozent der unter 18-Jährigen wachsen mit alleinerziehenden Eltern auf, von denen der Großteil (82,5 Prozent) Frauen sind (vgl. DESTATIS 2024, Haushalte und Familien)
  • drei von vier Selbstmorden in Deutschland wird von Männern verübt (vgl. DESTATIS 2024, Präventionstag gegen Suizid)
  • Kriminalität ist zu 75 Prozent männlich dominiert, Gewaltdelikte sogar zu 90 Prozent (vgl. Bundeskriminalamt, PKS 2023 Bund – Tatverdächtige insgesamt)
  • Junge Männer zwischen 14 und 25 sind dabei die mit Abstand stärkste kriminelle Gruppe
  • auf der Suche nach Bestätigung liegen sie bei fast allen Drogen vorne, von Alkohol über Cannabis über das Gaming und die Pornografie
  • Jungen sind zudem durch die negativen Folgen von Scheidung laut einer Studie stärker betroffen als Mädchen. Daraus kann man schließen, dass Jungen zwar physisch stärker sind, Mädchen jedoch mehr mentale und emotionale Widerstandskraft haben.

Pelzer beobachtet zutreffend:

Dass junge Männer oft „lost“ sind, haben rechtsgerichtete Gruppierungen schon immer ausgenutzt. Die AfD adressiert bewusst junge Männer in ihren Wahlkämpfen und lockt mit traditioneller männlicher Identität von damals. In den USA hat Trump es geschafft eine „Wir-gegen-das-Establishment Kultur“ zu schaffen. Ein bestimmtes Profil hat dabei mit Abstand am häufigsten für ihn gestimmt: junge, schwarze Männer, die nicht in einer Gemeinde verwurzelt sind. Junge Männer, die durch ärmere Verhältnisse meist schlechter ausgebildet sind und wenig soziale Kontakte haben, fühlten sich Trumps Geschichten besonders zugetan. Frauen hingegen sind sozial oft besser vernetzt, was dazu führt, dass sie weniger isoliert leben. In Deutschland sind es, gerade im Osten, häufiger junge Frauen, die aus strukturschwächeren Regionen in die Städte abwandern, um dort ihre Ausbildung zu absolvieren und bessere Optionen am Arbeitsmarkt zu erlangen. Zurück bleiben junge frustrierte Männer, die häufig empfänglich für Versprechungen extremer Gruppierungen sind.“ Pelzer ebenda S. 34.