Von Dr. Christian Marettek und Ibrahim Saltik
Grundsätzliches Vorgehen
Um die komplexen Probleme der Heranwachsenden (16-18 Jahre) sowie der jungen Erwachsenen (19-30 Jahre) praxisgerecht und anonymisiert darstellen und analysieren zu können, hat die Projektgruppe – wie im Vorgänger-Projekt zur Gelingenden Führung – reale Fälle folgendermaßen anonymisiert:
Die Fallstudien erleben drei befreundete Beispielfamilien. Das aus dem Führungsbuch bekannte Geschwisterpaar von Robert und Steffi hat – dreizehn Jahre später – jeweils heranwachsende Kinder. Hinzugetreten ist die muslimische, aus der Türkei stammende Familie Yilmaz, die im direkten Nachbarhaus neben dem von Steffi und Sven wohnen. Sowohl die Eltern als auch die Kinder aller drei Familien werden schnell gute Freunde.

Jenny, Robert und Steffi repräsentieren drei der geistigen Hauptströmungen der alt ansässigen deutschen Bevölkerung, wie sie in fast jeder deutschen Stadt zu beobachten sind. Aus theologischer Sicht erlebt Robert während seines Studiums eine bewusste Bekehrung in die Nachfolge Jesu, lässt sich dann taufen und ist begeistert, wie toll echte Gemeinschaft im Glauben sein kann. Auch die dann geschlossene Ehe mit Jenny erlebt er als Geschenk von Gott.
Anders Steffi: sie ist begeistert von den psychologischen Phänomenen des Menschseins – und das man das auch politisch in Junger Union und CDU zum Nutzen der Allgemeinheit umsetzen kann. Auch hier ist die „Peer Group“ entscheidend für die spätere Eheschließung, da sie ihren späteren Mann Sven im Studium und der Jungen Union bzw. später in der CDU kennen und lieben lernt.
Familie von Jenny und Robert Alles
Robert und Jenny Alles sind als Abteilungsleiter bzw. Oberärztin erfolgreich und hatten bislang auch in der Familie wenig Probleme. Robert ist auch noch als Spieler der Altherren-Mannschaft aktiv und ehrenamtlich erster Vorsitzender des Fußballvereins. Robert und Jenny sind beide engagiert in der Freien evangelischen Gemeinde.
Hier noch der doppelte Robert (als Abteilungsleiter und Fußball-Begeisterter), als seine Familie noch keine Probleme hatte:
Dies änderte sich im Laufe eines Jahres. Auch die Kinder hatten ihre Familie meist positiv und liebevoll erlebt. Nachdem jedoch die älteste Tochter Anna zum Studium nach Heidelberg zieht und anschließend für ein FsJ nach Neuseeland geht, gibt es sowohl beim Sohn Sebastian 13 (Fall 1) als auch bei der Tochter Marie 16 (Fall 2) zunehmend Probleme, die die Eltern zunächst nicht bemerken bzw. verstehen.
An einem denkwürdigen gemeinsamen Essen (siehe folgende Abbildung) müssen sich die bislang „erfolgreichen“ Eltern Robert und Jenny eingestehen, dass mit ihrer Familie irgendetwas nicht stimmt: beide Kinder sind ungewöhnlich bedrückt und haben keinen Appetit, können dafür keine verständliche Gründe nennen. Dies ist besonders unerfreulich, weil sie ihre Kinder von ganzem Herzen lieben und ihnen als engagierte Christen sehr wichtig ist, dass sie keine schwerwiegenden „Erziehungsfehler“ machen.
Beide Eltern kommen zum Ergebnis, dass ihre älteste Tochter Anna – wenn sie noch zuhause leben würde – vermutlich eher wissen würde, was mit den beiden los ist. Anna hatte offenbar eine noch stärker stabilisierende Rolle für die jüngeren Geschwister, als sie sich bislang eingestanden haben (Anna ist im Freiwilligen sozialen Jahr in Neuseeland und kann nicht helfen).
Noch am selben Tag sagen Robert und Jenny mehrere Termine ab. Die Eltern müssen sich in der Folge eingestehen, dass sie beide offenbar viel zu viel arbeiten und die Probleme der jüngeren Kinder zu spät mitbekommen haben.
Fall 1: Unerträgliche Schüchternheit von Sebastian (13 Jahre alt)
Robert spürt die Unsicherheit seines Sohns, der sich offenbar seinem erfolgreichen Vater nicht so schnell anvertrauen kann. Daher spielt Robert zunächst lange mit Sebastian und macht Dinge, die sie beide gerne tun. Nach viel Fußball und Schwimmbadbesuch erfährt Robert im Laufe des Abends, dass Sebastian Angst vor der Schule hat. Natürlich fragt er nach dem Warum. Zunächst sind die Antworten diffus.
Konkret kommt raus, dass zwei größere Jungs ihn mehrfach gehänselt und sogar geschlagen haben (Mobbing).
Außerdem hat Sebastian, der immer sehr gut in der Schule war, jetzt die zweite 5 in Deutsch hintereinander (Inhaltsangabe bzw. Aufsatz).
Sebastian ist ratlos, wie er die nächste Arbeit vorbereiten soll. Immer stärker wird klar, dass Sebastian in der Pubertät Schwierigkeiten hat, die vielfältigen neuen Herausforderungen zu bewältigen. Er bildet sich ein, dass niemand aus seiner Klasse etwas mit ihm zu tun haben will – seine Schüchternheit ist scheinbar von Monat zu Monat immer größer geworden. Von seinen Freunden der Vergangenheit ist einer weggezogen und bei den übrigen steht seine Schüchternheit so schmerzhaft zwischen ihnen, dass er nicht mehr weiß, wie er mit ihnen reden soll.
Lösungsansätze aus dem interkulturell zusammen gesetzten Kreis erfahrener Pädagogen und Seelsorger
In dem im Frühjahr 2026 durchgeführten Sitzungen des interreligiösen Gesprächskreis (FIDES-Projekt) waren wir uns bei den Fällen 1 und 2 sofort einig, dass gerade erfolgreiche Eltern selbst bei hervorragenden Absichten immer in die Gefahr geraten, dass zu bestimmten Lebenszeiten die heranwachsenden Kinder nicht die nötige Unterstützung bekommen. Daher ist die Gefahr der Wohlstandsverwahrlosung auch bei engagierten Christen und Muslimen nicht ausgeschlossen – sollte aber unbedingt verhindert werden, weil wir ansonsten vom Weg Gottes (der Mitverantwortung für die Kinder) abweichen.
Aus theologischer Sicht kennen sowohl Muslime wie Christen die Warnung der heiligen Schriften, dass Satan schon zahlreiche erfolgreiche Menschen gerade über den Erfolg so stark in die Irre geführt hat, dass deren Familie über den Erfolg zerstört wurde.
Daher wirkt nach unserer Überzeugung nichts so stark, als wenn Eltern ihre lieb gewordenen Berufe um der Kinder Willen deutlich zurück fahren, um erkennbar mehr Zeit für die Kinder zu haben.
Wie entscheiden sich Robert und Jenny? Koordinierte Zusammenarbeit mit Lehrern;
Angesichts der Fülle der Probleme seines Sohns (und seiner Tochter, siehe Fall 2) beschließt Robert, seine ehrenamtlichen Aufgaben radikal zurückzufahren. Außerdem macht er mit den zuständigen Lehrern kurzfristig Termine, um deren Sicht auf Sebastian schnellstmöglich zu verstehen. Dies ist sicherlich die erste und wichtigste Interventionsart, die Eltern angehen sollten (Interventionsart I1).
Der Deutschlehrer erklärt Robert, dass Sebastian trotz seiner großen Begabungen zur Zeit nichts geordnet zu Papier bringen kann, weil das Selbstvertrauen von Sebastian schon stark gelitten hat, so dass er bei den geforderten Aufsätzen schnell im Chaos versinkt und in Panik gerät.
Robert liest die beiden schlechten Deutschaufsätze von Sebastian sorgfältig durch und arbeitet mit ihm anschließend differenziert durch, was der Lehrer gefordert hat. Gleichzeitig sagt sagt er Sebastian, dass er volles Vertrauen hat, dass er die Deutscharbeiten bald viel besser bewältigen wird. Unter dem Coaching des Vaters schreibt Sebastian mehrere ähnliche Texte, wie in den Klassenarbeiten gefordert.
Über eine längere Zeit arbeiten beide täglich so zusammen, bis Sebastian neues Vertrauen fasst und die geforderten Techniken der Inhaltsgabe (also aussagekräftige Texte über andere Texte in einer bestimmten Zeit) erkennbar bewältigt. Zu Sebastian sagt Robert eines Abends ganz klar, dass es ihm leid tut, wie wenig Unterstützung er und Jenny ihm im letzten Jahr gegeben hatten (nachdem Anna weg ist).
Als Christ ist Robert davon überzeugt, dass Eltern sich auch einmal bei Kindern entschuldigen sollten. Er nimmt seinen Sohn in den Arm und erzählt ihm auch von seinen eigenen Problemen vor zwanzig Jahren. Der Durchbruch kommt, nachdem sich Robert und Sebastian auf ein konkretes Übungsprogramm einigen und Robert an die frühere Kämpfernatur von Sebastian erinnert. Robert nimmt mehrfach extra Urlaub, um seinen Sohn engmaschig zu coachen, bis er tatsächlich im übernächsten Deutschaufsatz wieder eine Eins schreibt.
Damit sind zwar die schulischen Leistungen wieder im grünen Bereich – die eklatante Schüchternheit, mit der sich Sebastian in der Klasse bewegt, ist jedoch noch nicht wesentlich verbessert.
Wichtig: keine reine Fokussierung auf die schulische Leistung!
Unser interreligiöser Gesprächskreis hat im Frühjahr auch 2026 hierzu eine klare Auffassung formuliert: Gerade wir leistungsorientierte Eltern drohen oft aus Bequemlichkeit mit der Wiederherstellung der schulischen Leistung zufrieden zu sein, was in einer Krise wie der von Sebastian nicht ausreicht.
Wenn jedoch wie hier wegen Roberts Nicht-Integration in die Klassengemeinschaft offenbar bereits Traumata bzw. seelische Verletzungen eingetreten sind, können diese – wenn die Eltern und Kinder nicht zeitnah gemeinsam daran arbeiten – später zu Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen führen.
Weitere in Frage kommenden Interventionsarten
Unser interkultureller Gesprächskreis hat im Frühjahr und Sommer 2026 für alle zehn Fälle nacheinander die weiteren sich anbietenden sinnvollen Optionen der Intervention diskutiert und als mögliche Bausteine grundsätzlich empfohlen (in der Regel bevor eine Psychotherapie durchgeführt wird):
- Förderung des Selbstvertrauens durch außerschulische Aktivitäten (Interventionsart I2)
- Etablierung eines Patensystems (I3)
- Gezieltes Training sozialer Kompetenzen in einer Kleingruppe (I4)
- Regelmäßige Feedbackgespräche zwischen Vater und
Sohn, die über das nächste Jahr laufen sollten (I5)
Was passiert eigentlich in der Psyche von Sebastian, wenn er in der Schule regelmäßig gehänselt wird?
Was passiert eigentlich in der Psyche von Sebastian, wenn er in der Schule regelmäßig gehänselt wird und die Probleme insgesamt immer größer werden? Das Ganze ist sicherlich in gewisser Weise ein Geheimnis, weil der Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht – die heiligen Schriften verwenden noch weitere Begriffe wie „Behüte dein Herz“ (Salomos Sprüche in der Bibel), Lebensodem oder Weisheit.
Nach einem umgangssprachlichen Verständnis der Psyche ist deren Kraft ganz stark von dem geschenkten Vertrauen, der erlebten Annahme und Gemeinschaft – aber auch von der erlebten Orientierung bzw. Sinngebung des Alltags durch Ältere abhängig. Genau diese Bereiche sind durch den Weggang der älteren Schwester über längere Zeit notleidend geworden. Da dann auch noch schulische Leistungen einbrachen ist kein Wunder und hat die existenzielle Problematik fehlender Lebensenergie eskalieren lassen.
Zur Vertiefung kann dasselbe Instrumentarium der positiven Psychologie bzw. die an den menschlichen Grundbedürfnissen orientierte Darstellung der Salutogenese genutzt werden, wie wir es im Führungsseminar zur Erklärung von Burnout-Fällen und deren Vermeidung entwickelt hatten:

Klare Konsequenzen bei Robert und Jenny
Nachdem sich Robert zusammen mit Jenny klar macht, wie wenig Zeit sie im letzten Jahr für ihre jüngeren Kinder aufgebracht hatten, beschließen beide grundsätzliche Konsequenzen, die ihnen nicht leicht fallen:
- Robert tritt mit sofortiger Wirkung vom Amt des Vorsitzenden des Fußballvereins zurück und lässt auch die weiteren Ehrenämter (u.a. in der Freien evangelischen Gemeinde) ruhn
- Jenny macht ein 12monatiges Sabattical, obwohl es dann wahrscheinlich ist, dass sie danach nicht als Oberärztin (sondern nur als einfache Fachärztin) in der Uniklinik wieder einsteigen kann.
Unser Zwischenergebnis
Faszinierend: Im interkulturellen Gesprächskreis aus erfahrenen Eltern – teilweise mit Zusatzqualifikationen in Pädagogie. Psychologie und Seelsorge – wurde herausgearbeitet, dass die in der türkischen Kultur geprägten Teilnehmer eine höhere Zuversicht an den Tag legten, dass – wenn Eltern und Lehrer abgestimmt mit dem Dreizehnjährigen arbeiten, relativ schnell wirksame Ergebnisse auch hinsichtlich des Selbstvertrauens und der Klassenintegration erreicht werden können (ggf. unter Hinzuziehung der Schulsozialarbeiter).
Erst wenn dies nicht gelingt, sollte man den Weg in der systemischen Psychotherapie gehen. Demgegenüber wird in Deutschland in der Praxis leider früher die Psychotherapie empfohlen, was nach unserer Einschätzung aus verschiedenen Gründen eher ungünstige Konsequenzen hat. Einerseits kann die Eltern-Kind-Beziehung – wenn man sie wirklich ernst meint und viel mehr Zeit investiert wird – am schnellsten und langfristig wirksamsten helfen. Außerdem entspricht es den Subsidiaritätsgrundsatz: eine verbreitete Verordnung von Psychotherapien mit 13 würde zu einer totalen Überlastung des psychotherapeutischen Gesamtsystems führen. Nur die schweren Fälle, bei denen Lehrer und Schulsozialarbeiter zusammen feststellen, dass die Eltern nicht zu einer intensiveren Betreuung der Kinder in der Lage sind, sollten für die Psychotherapeuten verbleiben – wohlwissend dass eigentlich eine Familientherapie notwendig ist.
Fortsetzung der Fallstudie (Work in Progress)
Fall 5: Spielsucht mit 21
Fall 6: Freund mit 16, Heiraten mit 18 (interreligiös)


