Fall 6: Überwindung von Spielsucht durch Übernahme von Verantwortung in Gemeinschaft

Von Ibrahim Saltik und Dr. Christian Marettek

Alternativer Ansatz am Beispiel von Ömer 22

In dem interreligiösen Gesprächskreis wurden im Frühjahr und Sommer 2026 alle bekannten pädagogisch und/oder religiös motivierten Interventionsarten diskutiert, soweit in den verschiedenen Kulturen damit nachweislich positive Lebenserfahrungen existieren. Der Fall 6 erklärt dabei ein auf den ersten Blick merkwürdiges Phänomen: Wenn man einem suchtbeladenen Menschen in einer geregelten Lebensumgebung eine ehrenvolle Verantwortung für jüngere Studenten überträgt, kann es tatsächlich gelingen, dass der Süchtige seine Sucht vergisst, weil er durch quasi erzwungene Fürsorge für die Jüngeren einfach keine Zeit mehr für das eigene Glücksspiel hat. Ähnliche Erfahrungen existieren auch aus christlichen WGs – oder christlichen Lebensgemeinschaften. Wichtig: Das Ganze funktioniert nur bei strikter Transparenz und Ehrlichkeit (wenn z.B. ein Rückfall passiert) und in einer möglichst verbindlichen Lebensgemeinschaft.

Am Fall 6 mit Ömer Yilmaz 22 (also der ältere Bruder von Ali 21), der sich der Einflussnahme von Eltern und Großeltern selbst nach der Aufdeckung der Spielsucht über ein weiteres Jahr entzog, …

… soll das für die türkische Kultur wichtige „Ağabeylik-Modell“ (Großer Bruder-Modell) vorgestellt werden. Das Modell zielt darauf ab, einen Süchtigen durch die Übertragung von Verantwortung wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Wenn man der Google-KI die Frage stellt „Was bedeutet die Kultur des Agabeliks?“ kommt folgende Antwort:

Ağabeylik-Modell gemäß Google-KI (abgerufen am 10.06.2026)

Der Begriff „Agabelik“ (türkisch: Ağabeylik) leitet sich vom türkischen Wort für den älteren Bruder (Ağabey oder umgangssprachlich Abi) ab. Die Kultur des Agabeliks beschreibt ein tief verwurzeltes, traditionelles Sozialverhalten in der türkischen Kultur, das von Respekt, Fürsorge, Hierarchie und familiärer oder gesellschaftlicher Verantwortung geprägt ist.

Im Kern beinhaltet diese Kultur folgende Prinzipien:

  • Die Rolle des „großen Bruders“: Ein Ağabey ist im familiären oder freundschaftlichen Kreis nicht einfach nur älter, sondern übernimmt automatisch die Pflicht, die Jüngeren (Kardeş) zu beschützen, zu leiten und finanziell sowie emotional zu unterstützen.
  • Respekt und Gehorsam: Im Gegenzug für diesen Schutz wird von den Jüngeren bedingungsloser Respekt, Höflichkeit und Loyalität erwartet. Man widerspricht einem Ağabey in der Regel nicht grundlos.
  • Patronat im Alltag: Außerhalb der Familie – etwa im Beruf, in Nachbarschaften, in Sportvereinen oder eben in traditionellen Online-Foren wie wowTURKEY – bezeichnet man ältere, erfahrene oder einflussreiche Männer respektvoll als Abi. Diese übernehmen dann oft eine Mentorenrolle.

Kultur des Agabeliks vs. Ağalık-System

Häufig wird der Begriff fälschlicherweise mit dem „Ağalık“-System verwechselt, von dem er sich jedoch klar unterscheidet: [1]

Konzept [1, 2]BedeutungStruktur
Agabelik (Ağabeylik)Kultur des „großen Bruders“Familiär, beschützend, Mentor-basiert
Ağalık (Ağalık sistemi)Feudales Großgrundbesitzer-SystemHierarchisch, oft wirtschaftliche Abhängigkeit im ländlichen Raum

Zusammenfassend ist die Kultur des Agabeliks das unsichtbare soziale Band, das in vielen türkischen Gemeinschaften die Hierarchie und den Zusammenhalt zwischen den Generationen regelt.

Was bedeutet dieser Ansatz im Fall 6 (Ömer 22)?

Mustafa 25 (Cousin von Ömer) bekommt die Aufgabe, mit Ömer ehrlich zu reden.

Mustafa übernimmt dabei als Leiter der Wohngemeinschaft die Funktion des Agabelik – umgangssprachlich „Abi“ („Abla“ wenn es sich um eine „Große Schwester“ handeln würde).

Ömer Yilmaz flüchtete ja aus Scham, dass er das Jura-Studium offenbar nicht schaffte, in die andere Stadt und auch immer tiefer in das Glückspiel. Er genoss insbesondere die Siege in der Gaming-Community. Er arbeitet schließlich in einem Supermarkt und verbringt viele Nächte immer noch beim internetgestützten Glücksspiel.
Was er nicht weiß: seine Mutter, die regelmäßig für ihn betet, dass Gott ihm einen Ausstieg aus der Sucht schenkt, hat einen alternativen Plan mit ihrer eigenen Schwester ausgeheckt, deren Sohn Mustafa in derselben Stadt eine muslimische Wohngemeinschaft leitet.

Das Agabelik-Modell verfolgt hier den Grundsatz, dass auch ein Süchtiger viele gute Eigenschaften hat, die man für die Gemeinschaft fantasievoll so nutzen soll, um den Süchtigen von seiner Sucht abzulenken. Mustafa bietet als „Großer Bruder“ für Ömer zugleich verbindliche Freundschaft an – verbunden mit der klaren Vereinbarung, dass in dieser Wohnung kein Gaming Platz hat. Diese Vereinbarung treffen beide nach langem Gespräch schriftlich per Mail.

Dabei berichtet Mustafa von seinem eigenen Problemen vor fünf Jahren, wo er seinerseits nur durch den Eintritt in diese Wohngemeinschaft von seiner eigenen Nikotin-Sucht befreit wurde. Mustafa zeigt dabei auf ein Bild vom damaligen Leiter der Wohngemeinschaft, dass immer noch an der Wand hängt.
Mit dieser Ehrlichkeit gewinnt Mustafa das Herz von Ömer. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei auch, dass Ömer gebeten wird, vom ersten Tag an seine überdurchschnittlichen Englisch-Kenntnisse (Ömer war ein halbes Jahr in USA) in das Nachhilfeprogramm der Moschee zu investieren.
Ömer zieht in die WH von Mustafa und soll im Rahmen des Nachhilfeprogramms die Verantwortung für 4 Schüler übernehmen, die den Englisch-Leistungskurs bestehen sollen. Diese 4 Schüler kommen jeden Samstag für 4 Stunden zur Nachhilfe, die jetzt Ömer unterrichten soll (unter der Gesamtleitung von Mustafa, der als Mentor für Ömer fungiert).

Später wird Ömer rückblickend feststellen, dass es gerade diese von ihm selbst ehrenamtlich geleisteten Nachhilfestunden gewesen sind, die mit den entsprechenden Feedbacks der dankbaren Schüler ihm entscheidend geholfen hat, nicht mehr der Gaming-Sucht zu verfallen! Dadurch wird Ömer selbst zum Agabelik für die vier Schüler.

Nach einiger Zeit unterstützt Ömer nicht nur die 4 Schüler am Samstag, sondern auch noch unter der Woche und es entstehen wirklich gute Freundschaften, vor allem natürlich zu Mustafa, aber auch zu anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter des Nachhilfeprogramms. Einmal im Monat treffen sich Mustafa und Ömer, um den Fortschritt von Ömer differenziert zu reflektieren.

Diese Sitzungen kann man nach Einschätzung unseres interreligiösen Gesprächskreises durchaus mit professionellem Mentoring vergleichen, wodurch auch eine belastbare Rechenschaft über das zwischenzeitlich Erreichte (und weitere Lernfelder) möglich werden. In diesen Gesprächen kristalliert sich schließlich allmählich heraus, was Ömer beruflich zukünftig machen soll.

Nach einigen Rückfällen im ersten halben Jahren, wenn Ömer bei Mitgliedern der alten Clique zu Gast war, und einem fast spielfreien zweiten Halbjahr bilanzieren sie, dass der Entzug offenbar gelungen ist. Drei der vier Schüler bestehen den Englisch-Leistungskurs mit guten Noten, was ein Erfolgserlebnis auch für Ömer ist.

An seinem 25. Geburtstag fährt Ömer endlich mal wieder "mit Zeit" zu seinen Eltern und Geschwistern. Er verkündet zur großen Überraschung aller, dass er zwischenzeitlich wieder studiert, aber Englisch und Türkisch auf Lehramt! Ihm hat das Lehren der Schüler so viel Freude gemacht, dass er dasselbe schließlich zum Beruf machen will - genauso wie es seine Eltern vorgelebt haben, was diese natürlich begeistert!