Rückblick 2015-2019

Unser gemeinnütziger Verein versucht, mit der gegenwartsbezogenen Demokratieforschung eine neue Forschungsform zu unterstützen, um Wege aus der Populismus-Falle bzw. der (teilweisen) Akzeptanzkrise der real existierenden Demokratie in Deutschland zu finden.

Forschungsgegenstand ist ausschließlich der Zustand der derzeitigen bundesdeutschen Demokratie als Teil der Europäischen Union. Damit interessieren uns insbesondere Fragen wie:

  • Was ist im Interesse des Zusammenhalts/ der Erhaltung der europäischen Friedensordnung zu tun?
  • Welche Reformansätze wären dazu geeignet, mit einiger Wahrscheinlichkeit am Ende eine höhere Bürgerakzeptanz des Gesamtsystems zu ergeben?

Soweit ersichtlich hat die politische Psychologie und Demokratieforschung nur wenig konkrete Gestaltungsvorschläge gemacht (vgl. aber die deliberative Demokratie nach Fishkin und die Planungszellen nach Diemel). Zuletzt Ute Scheub für „Mehr Demokratie e.V.“ Der zuletzt genannte Verein hat auch das vielbeachtete Leipziger Experiment eines Bürgerrats 2019 organisiert. Die Grundsatzfrage, wie überhaupt „Führung“ in unserer Gesellschaft so gestaltet werden kann, dass die Geführten dies akzeptieren können, wird andererseits in der psychologischen Managementforschung (in der Tradition von Peter Drucker, Henry Mintzberg und Fredmund Malik) diskutiert.

Entsprechend der FIDES-Forschungskonzeption (mehr dazu hier) haben wir uns dem Forschungsgegenstand seit Gründung von FIDES 2015 hauptsächlich aus zwei Richtungen genähert und daher 2 Projekte in Gruppenarbeit umgesetzt:

  • Buch- und Seminarprojekt „Wege zu gelingender Führung“. Welche Form menschlicher Führung wird in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen positiv gewertet? 10 Fallstudien. Vom Burnout eines Nachwuchstalents über Anpassungsprobleme in der Entwicklungsabteilung eines Automobilzulieferers bis zu den Compliance-Problemen des VW-Konzerns im Diesel-Skandal (siehe unten 1. FIDES-Buch)
  • Buch und Video-Projekt: Wie klappt es mit der Demokratie in Deutschland? Wie kann die EU zum Zeitpunkt der Europa-Wahlen 2019 demokratische Akzeptanz gewinnen?

Rückblick 2019

In einer Studie (Christian Marettek 2019, Was braucht Deutschland? Wie soll es mit Europa weitergehen?) wurde zunächst erläutert, durch welche Verhaltensmuster die Groko-Parteien 2017/2018 Vertrauen verspielt haben, welche Ursachen leicht abgestellt werden könnten, welcher sachpolitischer Reformstau existiert und wie damit demokratiekonform umgegangen werden könnte.

Am Beispiel der drängenden europapolitischen Fragen wurde dann gezeigt, wie eine integrierende Strategie aufgebaut werden könnte (politisch, administrativ und kommunikativ), die den sachpolitischen Reformstau beseitigt. Im Wege einer maßvollen demokratischen Erneuerung könnte Vertrauen der Bürger zurückgewonnen und das Werk der europäischen Einigung gesichert werden.

Durch die neue italienische Regierung und die aktuellen Schwierigkeiten Macrons ist es für Deutschland besonders wichtig, ob sich die EU als reformierbar erweist. Gelingen „Bürgerorientierte Reformen der EU“ tatsächlich?

Europa benötigt derzeit vor allem realistische Umsetzungsstrategien, damit

  • die Euro-Währungsunion so verändert wird, dass die verfassungsrechtlichen Probleme demokratiekonform gelöst werden, ohne dass es zu untragbaren Transferzahlungen kommt und auch mögliche Ausstiegsszenarien erarbeitet werden
  • die EU-Agrarpolitik (umfasst den überwiegenden Teil des EU-Haushalts) so reformiert wird, dass mit weniger Bürokratieaufwand und einer spürbar umweltgerechteren Umsetzung die Bauern weiterhin wirksam unterstützt werden und
  • insgesamt aus Sicht der Bürger das Gesamtsystem im Hinblick auf Bürgernähe und offenkundige demokratiebezogene Defizite spürbar reformiert werden sollte.

Nach Überzeugung von FIDES muss in einem längerfristigen Diskussionsprozess eine maßvolle, psychologisch angemessene Demokratiereform konzipiert und von den Bürgern bzw. ihren verfassungsgemäßen Vertretern verabschiedet werden.

Dabei sind Volksabstimmungen nach Auffassung von Dr. Marettek nur für hinreichend konkretisierte Programme sinnvoll, damit die Gemeinschaft nicht immer wieder weitere Negativ-Erlebnisse mit dem Staat macht (Negativ-Beispiel ist die Brexit-Diskussion im Vereinigten Königreich; der Brexit wird im Übrigen immer noch gegen die rechnerische Mehrheit der Bürgermeinung umgesetzt, was durch die Dominanz der Persönlichkeitswahlen zu erklären ist).

Andererseits gibt es im deutschen sowie im EU-Wahlrecht nach Auffassung von Dr. Marettek ein Zuwenig an Persönlichkeitswahlen. In das Gesamtkonzept sollte u.E. auch der Ansatz der deliberativen Demokratieforschung integriert werden (repräsentativ ausgewählte Bürgerräte können unter Zuhilfenahme aller Fachkenntnisse durchaus in die Lage versetzt werden, gute und weiterführende Vorschläge zu machen).

Die politische Diskussion in unserem Land im Jahr 2019 hat die Stoßrichtung unserer Zwischenergebnisse in erstaunlich vielen Punkten bestätigt, hier sei nur auf das bundesweit beachtete Leipziger Experiment eines solchen Bürgerrats verwiesen; über die dortigen Vorschläge war sogar der Präsident des Bundestages beeindruckt.

Die bisherige Forschung von FIDES e.V. seit 2015 hat übrigens zusammenfassend und übergreifend ergeben, dass auf allen Ebenen der Gesellschaft mit einer verbesserten Führungskultur – z.B. einem ehrlichen Dialog zwischen Spitzenpolitikern und den interessierten Bürgern –  schon viel erreicht werden könnte. Die interessierten Bürger entwickeln durchaus ein gewisses Vertrauen zu den repräsentativ gewählten Spitzenpolitikern (oder eben nicht!) – ein empirisch feststellbares Phänomen, dass bislang den Meinungsforschungsinstituten und der Presse überlassen wurde – aber kaum wissenschaftlich betrachtet wurde. 

Nach unseren bisherigen Forschungsergebnissen gibt es im Grunde kaum wesentliche Unterschiede z.B. zwischen

  • dem Beziehungsphänomen „Spitzenpolitiker im Verhältnis zum interessierten Bürger“
  • dem Beziehungsphänomen „Vorstand eines gewerblichen Konzerns (z.B. VW) im Verhältnis zum engagierten Facharbeiter“.  

In beiden Fällen lassen sich durch empirische Befragungen Vertrauensverluste feststellen und umgekehrt auch Strategien zur Vertrauensgewinnung entwickeln.

Vereinfachend zusammengefasst: während die Konzerne regelmäßig viel Geld ausgeben, um die Unternehmenskultur in Richtung auf Zusammenhalt der Belegschaft, Compliance oder Innovation weiterzuentwickeln, gibt es in Deutschland viel zu wenig entsprechende Forschung zur Weiterentwicklung der Demokratie. Also: die Führungsarbeit der Bundes-/ Landesregierungen und der EU-Kommission sollte viel sorgfältiger bürger- und sachorientiert ausgerichtet werden! Ebenso wie die Führungskultur in den großen öffentlichen Einrichtungen wie Hochschulen und Ministerien.


Wie klappt es eigentlich mit der Demokratie?

Unsere ausgewählten Kommentierungen zur Tagespolitik aus Sicht der Demokratieforschung (die unter diesem Motto stehen) finden Sie hier, unserem YouTube-Angebot.


Christian Marettek 2017, Wege zu gelingender Führung

Das erste eigene (größere) FIDES-Projekt hatte im Haufe-Verlag zur ersten Buchveröffentlichung geführt:

  • Christian Marettek (unter Mitarbeit von Dietrich Bickelmann, Manuel Hipfel und Ulrike Marettek), Wege zu gelingender Führung, Freiburg 2017.
  • Es behandelt die Bedeutung guter Führungsarbeit auf den folgenden Ebenen unserer Gesellschaft: Am Arbeitsplatz in der Automotive-Branche, im Ehrenamt Vorstand eines Sportvereins und als frisch gewählte Bürgermeisterin.
  • Wichtigstes Ergebnis: das Wissen um gelingende Führung – wie Top-Leistung ohne so viele Burnouts gelingen kann – sollte unbedingt demokratisiert werden.

Eine Kurzzusammenfassung der Ergebnisse aus gesellschaftlicher Sicht finden Sie hier.

Über dieses Buch gab es ein Interview beim SR2-Kulturradio in der Sendung „Fragen an den Autor“. Die Aufnahme gibt es hier.

Die eher wissenschaftlich ausgerichtete Projekthomepage finden Sie hier: „Wirksam führen und dabei sauber bleiben“

Das Buch kann hier bestellt werden: Buchveröffentlichung.

Unser verstärktes Autorenteam ist anbei abgebildet. Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass schwierige gesellschaftliche Herausforderungen durch die Einbeziehung unterschiedlicher Persönlichkeiten und Generationen gewinnen.