Fall 10: Ungeplante Schwangerschaft mit 17

Von Ibrahim Saltik und Ulrike Marettek

Doris 17 ist ungeplant schwanger, ihr Freund flüchtet

Doris ist 17, ihr Freund ist 16 und reagiert panisch, als Doris vom positiven Ergebnis des Schwangerschaftstests berichtet. Am nächsten Tag redet Doris nochmal mit ihrem Freund, der zwar wieder ruhiger geworden ist, aber dann anregt, eine Abtreibung vorzunehmen „das geht doch in Deutschland unter bestimmten Bedingungen bis einschließlich der 12 Woche der Schwangerschaft“.

Doris braucht dringend Rat - erstmal welche Bedingungen wären einzuhalten - und dann: will ich überhaupt die Abtreibung? Leider kümmert sich ihr Freund in dieser Situation überhaupt nicht um Doris - deshalb ist sie verständlicherweise enttäuscht und wütend. Wen kann sie fragen?

Sie erinnert sich an die nette Schulsozialarbeiterin und sie erinnert sich an ihre beste Freundin Andrea (Steffis Tochter, siehe Fall 3). Nacheinander führt sie vertrauliche Gespräche mit der Schulsozialarbeiterin und mit Andrea.

Die Schulsozialarbeiterin erklärt die Möglichkeiten, wie Schule und Jugendamt zusammen helfen können

Die freundliche Schulsozialarbeiterin erläutert, dass es in Deutschland eine Fülle von Unterstützungsangeboten gibt. Diese Angebote können Doris – sofern gewünscht – in allen Fragen so unterstützen, dass sie das Kind austragen und zugleich ihre Schule abschließen kann, ggf. ohne Unterbrechungen und/oder mit individuell auf sie zugeschnittenen Hilfen und Erleichterungen. Um diesen Prozess zu starten, empfiehlt sie Doris, einen gemeinsamen Beratungstermin mit dem Jugendamt zu vereinbaren (sie würde die Terminvereinbarung übernehmen). In diesem Termin könnte bereits ein erster konkreter Plan angedacht werden.

Sollte sie sich für eine Abtreibung entscheiden wollen, sind in Deutschland vor allem folgende Bedingungen einzuhalten:

  1. Beratung durch Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle
  2. Ärztliche Untersuchung im Hinblick auf eventuelle Risiken
  3. Dreitägige Bedenkzeit nach Abschluss der Beratung
  4. Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 12 Wochen der Schwangerschaft.

Siehe ausführlich auf unser Vertiefungsseite.

Andrea tröstet Doris

Doris ist die beste Freundin von Andrea (Steffis Jüngste). Sobald Doris kann, geht sie zu Andrea, die gerade zusammen mit ihrer Schwester Melanie Federball gespielt hat. Andrea sieht es auf den ersten Blick, dass es Doris nicht gut geht. Sie sagt zu ihrer Schwester: „du wolltest eh zu Gert gehen, sorry – hier ist wohl ein „großer Freundschaftsrat“ nötig. Melanie ist sofort einverstanden und geht.

Nachdem Doris mit Andrea allein ist, bricht es aus ihr heraus, „den ganzen Käs mit den Männern“, wie sie sich ausdrückt und das Gefühlschaos zwischen Angst, Abtreibung und Babyfreude. Und dann die Unübersichtlichkeit der Beratungsangebote! Natürlich verpflichtet sie Andrea zur absoluten Verschwiegenheit – aber das war Andrea als Tochter einer Psychologin sowieso klar.

Andrea nimmt Doris in den Arm und sagt – nachdem sie die ganze Geschichte angehört hat – dass sie selbst auch nicht sofort eine Antwort weiß – aber darüber schlafen will, dabei kommen ihr erfahrungsgemäß die besten Ideen.

Bevor sie sich trennen verspricht Andrea ihr, dass sie jeden Schritt mit ihr gemeinsam gehen wird und Doris‘ Entscheidung respektieren wird, egal wie sie sich entscheiden wird. Sie werde in jedem Fall solange für Doris jederzeit da sein, bis „alles vorbei ist“.

Am nächsten Tag fällt Andrea ihre Patentante Jenny ein, die als Ärztin und engagierte Christin bestimmt eine wertvolle Meinung zum Thema hat. Ohne Namensnennung fragt sie Jenny, was sie dazu raten würde, wenn eine Freundin mit 17 ein Kind erwartet.

Jenny sagt: "Werdendes Leben hat immer eine große Bedeutung! Trotzdem ist es auch schlecht, wenn die Angst der werdenden Mutter so groß wäre, dass die Schwangerschaft für beide zur Tortur wird und beide vielleicht sogar körperlich oder psychisch krank werden. Oberstes Ziel ist daher, dass die Frau mit einigermaßen positiver Einstellung ihre Schwangerschaft erleben kann. Dabei ist auch zu beachten, dass auch eine eventuelle Abtreibung für einen Großteil der Frauen ein traumatisches Erlebnis ist.

Mein Fazit:
Wenn die werdende Mutter und Kind soweit erkennbar einigermaßen gesund sind, würde ich meine Freundin immer so beraten, dass sie den Mut bekommt, das Kind auch zu gebären. Vor allem sollte sie sich - neben der Pflichtberatung - auch noch an die besonders empfehlenswerte christliche Beratungsstelle ProFemina wenden (natürlich kostenlos und unverbindlich).
Werdendes Leben ist etwas so Kostbares!
Außerdem sollte sie - sofern sie nur ein bisschen das Kind möchte - die Beratung durch das Jugendamt annehmen, dann gelingt auch der Schulabschluss viel leichter."

Wie geht der Beratungsprozess weiter?

Andrea ist zwar keine gläubige Christin – hat aber von ihren Eltern eine gewisse Ehrfurcht vor dem Leben geerbt und eine Leidenschaft für kleine Kinder. Daher berät sie ihre Freundin Doris so wie es Jenny ihr geraten hat. In den folgenden Tagen finden sowohl die ärztliche Untersuchung, die Beratungen bei ProFemina als auch die Beratung mit Schulsozialarbeiterin und Jugendamt statt.

Die Beraterin (ProFemina) arbeitet mit Doris an einem „Entscheidungstagebuch“. Für jede Option
werden kurz- und langfristige Folgen in neutraler Tabellenform festgehalten.

Die Optionen sind:

  • Abbruch der Schwangerschaft
  • Geburt mit eigener Betreuung
  • Geburt mit zeitweiser Unterbringung in einer Pflegefamilie
  • Geburt mit Freigabe zur Adoption.

Mit einem „Zukunftsszenario-Spiel“ stellt sich Doris konkret vor, wie in drei Jahren jede Option aussehen würde. Unter Anleitung der Beraterin sowie unter Anwendung ethischer Prinzipien (Respekt vor der Selbstbestimmung, Nichtschädigung, Nutzenstiftung) wird Doris ermöglicht, selbst die beste Entscheidung zu treffen.

Die Beraterin kann eventuell auch zusammen mit Doris ein „Gewissensinventar“ erstellen. Folgende Fragen werden gestellt:

  • Mit welchem meiner Werte würde ein Abbruch kollidieren?
  • Welcher meiner Werte würde gestärkt, wenn ich das Kind austrage und zur Adoption freigebe?
  • Bei welcher Option spüre ich mehr inneren Frieden?

Persönliche Entscheidung durch Doris selbst

Wichtig: Alle Berater stellen nur Fragen, ohne zu urteilen. Mit dem logotherapeutischen Ansatz wird Doris ermutigt, ihre ganz persönlichen Entscheidungen selbst zu treffen – und dadurch im Idealfall als Persönlichkeit zu reifen und vielleicht sogar in dieser Schwierigkeit den Sinn ihres eigenen Lebens zu finden.

Entscheidend für Doris ist schließlich die leidenschaftliche Bereitschaft von Andrea, ihr als Freundin in allen Fragen – auch nach der Geburt – zu helfen. Daher treten die Alternativen „Pflegefamilie“ und „Adoption“ schnell zurück.

Andrea freut sich richtig auf das Baby ihrer Freundin Doris! Sie sagt einmal sogar: „Ehe du eine Abtreibung vornimmst, würde ich dir anbieten, dass wir zu dritt eine Wohnung mieten“.

Zu diesem Zeitpunkt wissen die Eltern von Doris noch nichts von der Schwangerschaft. Da die Eltern von Doris wenig Geld haben und ihre Mutter sogar krank ist, will Doris unbedingt vermeiden, der Mutter zur Last zu fallen.

Schließlich erlebt Doris mit, wie begeistert sich ihre Mutter über die kleinen Kinder ihres Bruders freut. Daraufhin erzählt sie ihren Eltern alles, die sie ab sofort einigermaßen konstruktiv unterstützen. Doris und Andrea sind sich weiterhin einig, dass sie alles tun werden, damit Doris' Eltern keine Probleme bekommen.

Zwischenruf aus türkischer Sicht

In fast jeder türkischen Familie – egal wie gläubig sie ist – würde schon aus Gründen der Ehre gemeinsam entschieden, welche Oma, Schwester, Cousine oder Tante am besten geeignet ist, bei der Erziehung des Neugeborenen zu helfen (teilweise auch mehrere von den Verwandten). Bei einem Jungen würde die Familie auch versuchen, den fehlenden Vater durch ein geeignetes Familienmitglied zu ersetzen.

Welche Möglichkeiten hat die Schule, zusammen mit dem Jugendamt zu helfen?

Pädagogische Dimension

Die Schulberatung und ein Sozialpädagoge erstellen einen individuellen Plan für Doris. Ziel ist es, dass Doris ihre Schule ohne Unterbrechung fortsetzen kann.

In Deutschland gibt es für schwangere Jugendliche ab 16 Jahren besondere Schutzregeln.

Dazu gehören flexible Stundenpläne, Hausunterricht und die Garantie, nach der Geburt wieder in die Schule zurückkehren zu können.

Der Pädagoge spricht jede Woche mit Doris. Gemeinsam arbeiten sie an Themen wie Gefühlskontrolle, Stressbewältigung und Entscheidungsfindung. Durch diese Gespräche und Übungen in der Schule werden Doris‘ Fähigkeiten gestärkt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2025, Schwangerschaftsabbruch, Berlin, S. 23-25; beta-Institut, Minderjährige Schwangere – Unterstützung, S. 8-12; Olafsson & Müller 2024, Schulische Begleitung jugendliche Mütter, Weinheim S.67-70.

Wenn Doris ihr Kind selbst großziehen möchte, aber keine ausreichende Unterstützung von ihrer Familie oder keine eigene Wohnung hätte, käme eine MutterKind-Einrichtung in Frage. Doris bekäme dort rund um die Uhr pädagogische Hilfe.

Unabhängig von der Unterbringung stehen Doris ein differenziertes Angebot an Kursen zur Geburtsvorbereitung zur Verfügung, wie man ein Baby versorgt: richtige Ernährung, Schlafroutine, Erste Hilfe usw. Die Kurse werden in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt für Doris kostenfrei angeboten. Schließlich kann sie auch auch Alltagsfähigkeiten wie Budgetverwaltung und Haushaltsführung lernen.

Es gibt ferner eine spezielle Bindungstherapie (z. B. die Marte-Meo-Methode), die Mutter und Kind hilft, eine enge Beziehung aufzubauen. Die schulische Bildung wird fortgesetzt – entweder durch einen Lehrer in
der Einrichtung oder durch Online-Unterricht.

Wenn das Kind geboren ist, kommen ergänzende Gruppenangebote wie Müttertreffs, Gruppenabende und Spielkreise in Frage.

Spirituelle Dimension

Doris‘ eigenes Glaubenssystem wird respektiert. Auch die wertvollen Beratungshinweise der engagierten Beraterin von ProFemina werden umgesetzt. Dort erhält sie auch spirituelle Begleitung. Die Beraterin sagt ganz klar, dass sie bis über den Geburtstermin für sie da sein will. Die Beraterin benutzt bei Doris vorrangig Methoden der Logotherapie und Existenzanalyse, weil sie weiß, dass Doris das christliche Vokabular bislang nicht nennenswert kennt (zu viel christliche Frömmigkeit würde Doris „erschlagen“). Wichtige Themen sind die interreligiösen Werte:

  • Heiligkeit des Lebens
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Vergebung (ihrem Freund).

Die Beraterin von ProFemina gibt Doris folgende Botschaft mit:

„Die Entscheidungen über die Schwangerschaft werden den Rest deines Lebens beeinflussen. Höre auf deine innere Stimme. Mach dir keine Vorwürfe. Hinter jeder Schwierigkeit steckt ein Sinn.“ Vgl. Pro Femina e.V. 2025, Die persönliche Profemina-Beratung - Logotherapi& Existenzanalyse, S.14-18; Frankl 2020, ...trotzdem Ja zum Leben sagen, München, S.45-47.

Gesellschaftliche Dimension

Schulberatung und Jugendamt werden immer versuchen, die bestehenden Beziehungen zu den beiden Herkunftsfamilien im Interesse des Kindes zu stärken und nach Möglichkeit, einen Neuanfang mit dem Vater des Babys zu fördern.

Auch Mutter-Kind-Einrichtungen erlauben bzw. fördern Besuche von Familienangehörigen und Freunden.
Dadurch brechen die gesellschaftlichen Bindungen nicht ab. Familienmitglieder, insbesondere die Großmutter, können durch regelmäßige Besuche zur Säuglingsbetreuung beitragen.

In der türkischen Kultur verhindert eine solche „Großmutter-Unterstützung“ häufig, dass die junge Mutter ausbrennt (Burnout). Vgl. Mutter-Kind-Einrichtungen GmbH 2024, Fragen und Antworten, Hamburg S.5-8; Stadt Oldenburg 2026, Mutter-Kind-Einrichtung – Angebote und Unterstützungsformen, S.12-15; Ahnert 2022, Bindungsentwicklung in Mutter-Kind-Häusern, Berlin S.98-102; Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen, Mutter-Kind-Einrichtung – Aufnahmevoraussetzungen, S.3-4; Sunar 2019, Türkische Familiensysteme in der Migration, İstanbul Bilgi Üniversitesi Yayınları, S.85-88.

Am Ende dieser Fallstudie ein expliziter Dank an die KI von ChatGPT für die tollen Illustrationen, die nach unseren Vorgaben in kurzer Zeit erstellt wurden.